S&P 500 rutscht ab, da Rezessionswahrscheinlichkeit an Kipppunkt rückt

Wall Streets beste Bullenmarkt-Erzählung – robuste Gewinne, KI-getriebenes Wachstum, starke Konsumnachfrage – prallt frontal auf das schlechteste makroökonomische Umfeld seit Jahren. Der S&P 500 ist nun fünf Wochen in Folge gefallen, die längste Verlustserie seit der russischen Invasion in der Ukraine 2022. Dennoch sind sich die Strategen uneinig, ob dies eine Kaufgelegenheit oder das erste Kapitel von etwas Schlimmerem ist.
Auf diese Frage gibt es bislang keine eindeutige Antwort. Und die Daten, die diese Woche veröffentlicht werden, könnten den Widerspruch noch verschärfen.
Ein Markt unter Beschuss
Der Index schloss am Freitag auf einem Siebenmonatstief und verlor 1,7 % an diesem Tag. Der Dow Jones Industrial Average fiel um den gleichen Prozentsatz und rutschte in den Korrekturbereich, mehr als 10 % unter seinem Februar-Hoch. Der Nasdaq 100 sank um 1,9 % und überschritt ebenfalls die Korrekturschwelle, nun mehr als 10 % unter seinem Oktober-Hoch. Der Schaden geht tiefer, als es die Indexbewegungen vermuten lassen: Viele Nasdaq-Mitglieder liegen 30 % oder mehr unter ihren Höchstständen. Der CBOE Volatility Index ist wieder in die 30er zurückgesprungen, was darauf hindeutet, dass Optionshändler erhöhte Prämien zahlen, um sich gegen weitere Verluste abzusichern.
Der Ausverkauf ist auf eine Kombination aus drei verstärkenden Belastungen zurückzuführen. Brent-Öl ist seit Beginn des Iran-Konflikts am 28. Februar stark gestiegen, was die Kostenstrukturen der Unternehmen belastet und Inflationsrisiken wiederbelebt, die die meisten Investoren als eingedämmt betrachteten. Die Federal Reserve, die ihren Leitzins am 18. März bei 3,50–3,75 % beließ, hat immer weniger Spielraum: Zinssenkungen könnten die Inflation weiter anheizen, während Zinserhöhungen – denen Händler am Terminmarkt laut CME-Daten nun eine signifikante Wahrscheinlichkeit beimessen – zusätzlichen Druck auf bereits angespannte Bewertungen ausüben würden. Die Nonfarm Payrolls im Februar gingen um 92.000 Stellen zurück – deutlich unter den Erwartungen – und trieben die Arbeitslosenquote auf 4,4 %.
Ökonomen weisen zunehmend darauf hin, dass die Kombination aus steigenden Energiekosten und einem schwächeren Arbeitsmarkt beginnt, eine stagflationäre Dynamik anzunehmen.
Das technische Bild
Technisch verschlechtert sich das Bild. Der S&P 500 notiert deutlich unter seinem 200-Tage-Durchschnitt. Analysten sehen eine kurzfristige Unterstützung knapp unter dem aktuellen Niveau, wobei einige bei einer weiteren Verkaufswelle ein tieferes Fibonacci-Retracement nahe 5.980 als nächste bedeutende Unterstützung nennen. Die Marktbreite bestätigt die Schwäche: Nur eine Minderheit der Large-Cap-Aktien handelt über ihrem 200-Tage-Durchschnitt. Die Rendite der 10-jährigen Treasury stieg am Freitag in den mittleren 4-%-Bereich, bevor sie leicht nachgab. Die 30-jährige Rendite näherte sich kurzzeitig der 5-%-Marke – einem psychologisch wichtigen Niveau – bevor sie wieder zurückging.
Bullen gegen Bären
Die Meinungen an der Wall Street gehen weit auseinander. Morgan Stanley-Strategen argumentierten in einer am Montag veröffentlichten Notiz, dass die Korrektur sich dem Ende nähern könnte, und verwiesen auf historische Vergleiche mit früheren Wachstumsschocks, die nicht in Rezessionen oder Zinserhöhungszyklen mündeten.
JPMorgan hingegen hat sein S&P 500-Jahresendziel gesenkt und darauf hingewiesen, dass ölgetriebene Inflation und Störungen in der Straße von Hormus das globale Wachstum und die Unternehmensgewinne gleichzeitig belasten könnten. In einem Stressszenario haben JPMorgan-Analysten das Potenzial für einen deutlich stärkeren Rückgang vom aktuellen Niveau aus modelliert.
Auch andere große Häuser sind bei US-Aktien vorsichtiger geworden und verweisen auf erhöhte makroökonomische und geopolitische Risiken. Energie bleibt einer der wenigen Sektoren im S&P 500, der seit Beginn des Krieges im Plus liegt.
Worauf Händler achten
Die kommende Woche bringt mehrere Auslöser, die die Unsicherheit entweder auflösen oder vertiefen könnten. Die Verbrauchervertrauensdaten und JOLTS-Stellenangebote werden am Dienstag veröffentlicht. ISM Manufacturing PMI und ADP-Beschäftigungsdaten folgen zur Wochenmitte.
Am wichtigsten ist der Bericht zu den Nonfarm Payrolls im März, der am Karfreitag erscheint, wenn die US-Börsen geschlossen sind. Ökonomen erwarten eine moderate Erholung des Beschäftigungswachstums nach dem Rückgang im Februar, aber die Daten können erst am folgenden Montag gehandelt werden. Diese Sitzung folgt zudem auf Trumps Frist am 6. April für den Iran zu Verhandlungen, sodass zwei große Ereignisrisiken an einem einzigen Handelstag eng beieinanderliegen. Optionshändler positionieren sich zunehmend für mögliche Kurslücken.
Ob der fünf Wochen andauernde Rückgang des S&P 500 eine späte Korrektur im Zyklus oder der Beginn eines tieferen Abschwungs ist, wird sich wohl erst zeigen, wenn diese Ereignisse klarere Signale liefern. Bis dahin befindet sich der Index in echter Spannung zwischen seiner strukturellen Gewinnresilienz und einem makroökonomischen Umfeld, das Strategen inzwischen kaum noch als vorübergehend bezeichnen.
Die angegebenen Wertentwicklungen beziehen sich auf die Vergangenheit. Die vergangene Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse und keine Garantie für zukünftige Wertentwicklung.